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Meine Stimme ändert doch eh nichts – junge Wähler resignieren

Veröffentlicht am Freitag, 22. September 2017

Meine Stimme ändert doch eh nichts – junge Wähler resignieren

Regelmäßig fällt die Wahlbeteiligung in der Gruppe der Erstwähler höher aus als in den folgenden Altersgruppen. Doch danach sinkt sie deutlich. Woran liegt das? Unsere Daten zeigen, dass Resignation eine große Rolle zu spielen scheint

Mit Hilfe einer Online-Befragung wollten wir erfahren, wie Nichtwähler ticken, wie und welche Gegenargumente ziehen und wie unser „Arsch hoch!“-Kinospot ankommt. Vom 14. September bis zum 21.09. befragten wir so 23.603 Menschen. Unser Interesse galt den Nichtwählern und darunter vor allem den jungen – die filterten wir heraus über eine einfache Frage: „Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie bei der Bundestagswahl am 24.09. wählen gehen?“ Wir identifizierten 2.081 Nichtwähler, die entweder mit „Wahrscheinlich nicht“, „Auf keinen Fall“ oder „Weiß nicht“ antworteten. Erschreckend: Gut 50 % jener Nichtwähler sind der Altersgruppe 18-24 zuzuordnen!

Grund der Wahlenthaltung

Diagramm01 DHDW2017

Auf die Frage nach dem Grund, nicht wählen zu gehen, wurden vor allem zwei Antworten genannt: „Meine Interessen werden von keiner Partei vertreten“ (28,4 %) und „Meine Stimme ändert doch eh nichts“ (27,5 %). Der pragmatische Ansatz liegt auf Rang 3: „Ich habe am 24.09. keine Zeit oder bin nicht da“ (15,8 %).

Die beiden erstgenannten Gründe werden auch in den Altersgruppen 18-24 und 25-34 am häufigsten genannt. Interessant ist jedoch die Verschiebung der Anteile zwischen den beiden Altersgruppen: In der Gruppe 18-24 liegt „Meine Interessen werden von keiner Partei vertreten“ mit 27,4 % vorne, während „Meine Stimme ändert doch eh nichts“ nur 22,9 % angaben. In der Gruppe 25-34 ändert sich das Bild deutlich: „Meine Interessen werden von keiner Partei vertreten“ gaben 23,6 % an, während „Meine Stimme ändert doch eh nichts“ mit 33,0 % vorne lag.

Aus den offiziellen Wahlstatistiken weiß man, dass die Wahlbeteiligung bei den Erstwählern noch deutlich höher liegt als in den folgenden Altersgruppen. Das obige Ergebnis deutet demnach auf einen Ernüchterungsprozess hin. Über die Gründe können wir hier nur spekulieren: Für Erstwähler ist die Teilnahme an der Bundestagswahl noch ein wichtiges Erlebnis, ein weiterer Meilenstein des Erwachsenwerdens. Entsprechend euphorisch wird womöglich die Wahl erlebt; die Erkenntnis danach, wie wenig womöglich die eigene, einzelne Stimme wiegt, könnte eine Erklärung sein.

Das wäre ein fatales Ergebnis, denn es kommt ja gerade nicht auf die einzelne Stimme an, sondern auf die Masse der einzelnen Stimmen. Wenn sich viele junge Menschen der Wahl enthalten, weil sie ihre Stimme für unwesentlich halten, setzt sich ein Teufelskreis in Gang: Die bezogen auf die Altersstruktur der BRD ohnehin kleine Gruppe der jungen Wähler wird so noch weniger wichtig in den Plänen der Wahlkampfmanager. Je weniger aber auf die spezifischen Probleme der jungen Wähler im Wahlkampf eingegangen wird, desto stärker wird der Impuls, nicht wählen zu gehen.

Wirkung des Arguments

Den als Nichtwählern identifizierten Befragten legten wir Gegenargumente vor, passend zu ihrer Antwort auf die oben dargestellte Frage. Wir wollten wissen, für wie überzeugend das jeweilige Argument eingeschätzt wird.

Dem am häufigsten genannten Grund, nicht wählen zu gehen, stellten wir die folgende Aussage entgegen: „Nicht-Wählen ist der falsche Protest und ändert nichts. Die Stimme fällt einfach unter den Tisch. Wählt man hingegen, kann eine Partei klar der anderen vorgezogen werden. Auch die Abgabe eines ungültigen Stimmzettels ist eine klarere Aussage.“ Für überzeugend hielten diese Argumente immerhin 43,6 % der Befragten.

Die resignierten Nichtwähler („Meine Stimme ändert doch eh nichts.“) halten das Gegenargument („Man entscheidet mit, wer die nächsten 4 Jahre das Land regiert. Geht man nicht wählen, entscheiden andere. Auch wenn die gewählte Partei nicht die Regierung stellt, verändert jede Stimme die Mehrheitsverhältnisse.“) für etwas weniger überzeugend (40,0 % Zustimmung). Aus den Zustimmungswerten zu den Gegenargumenten lässt sich ablesen, dass abstrakte Argumente weniger gut verfangen als konkrete. Das mag keine allzu große Erkenntnis sein. Doch es kommt hier auf einen Perspektivwechsel an. Denn aus der hohen Warte betrachtet mögen abstraktere Argumente einleuchtend klingen, sie sind es aber nicht notwendigerweise in der Zielgruppe.

"Arsch hoch! Wählen gehen!“

Diagramm02 DHDW2017

Wie effektiv war unser Kinospot, der bundesweit in allen größeren Kinos lief? In unserer Online-Befragung zeigt sich ein spannendes Bild, auch wenn wir damit nicht durchgehend zufrieden sein können. In der Gruppe der Wähler hielten gut 46 % der Befragten den Spot für überzeugend oder sehr überzeugend. Allerdings befanden ihn nur rund 15 % der als Nichtwähler identifizierten Befragten für überzeugend oder sehr überzeugend. Was tun?

Junge Wähler fühlen sich politisch offenbar nicht ausreichend berücksichtigt. Auch hier können wir über die Ursachen nur spekulieren. Ein Grund könnte sein, dass junge Wähler im Wahlkampf nur wenig Aufmerksamkeit erhalten. Ein anderer könnte sein, dass ihre politischen Interessen keine große Rolle spielen im Vergleich zu denen der älteren Menschen. Das Medianalter der deutschen Bevölkerung lag zuletzt bei bereits 50,9 Jahren.

Die Wahlbeteiligung junger Menschen zu erhöhen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe: bessere politische Bildung in der Schule, mehr Aufmerksamkeit für die Belange Jüngerer, bessere Perspektiven und mehr Aufstiegsgerechtigkeit.